
Projekt Schulweg.Aktiv im Landkreis Mittelsachsen
Das Projekt Schulweg.Aktiv erforschte die eigenständige Mobilität von Jugendlichen im Landkreis Mittelsachsen und entwickelte mit Schülerinnen und Schülern konkrete Ideen für Verbesserungen im Rad- und Fußverkehr in ihrer Kommune.
Zeitraum: 2024 - 2025
Viele Kinder und Jugendliche in Sachsen sind auf das Fahrrad angewiesen, wenn sie selbstständig mobil sein wollen. Deutschlandweit legen Kinder bis zum 15. Lebensjahr fast die Hälfte ihrer Wege zu Fuß oder mit dem Rad zurück. Jedoch hauptsächlich in ihrer Freizeit. Für den Weg zur Schule spielt das Rad häufig eher eine untergeordnete Rolle. Warum sich so viele Schülerinnen und Schüler (bzw. ihre Eltern) dennoch eher für den ÖPNV und gegen das Fahrrad entscheiden oder was sie an aktiver Mobilität im Allgemeinen hindert, ist bislang kaum erforscht.
Das gemeinsam vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club Sachsen e.V. und dem Landkreis Mittelsachsen initiierte und vom Sächsischen Staatsministerium für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt geförderte Projekt Schulweg.Aktiv setzte sich zum Ziel, hier genauer hinzuschauen. Denn Kinder und Jugendliche sind bislang eine Gruppe, deren Mobilitätserfahrungen im Alltag kaum systematisch in der Verkehrsplanung erfasst und beachtet werden. Zentrale Fragestellungen des Projekts lauteten daher: Wie erleben Jugendliche ihren Schulweg? Was hindert sie konkret daran, mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren? Wo nehmen sie Gefahren oder Hürden wahr, und welche Potenziale für Verbesserungen erkennen sie selbst in ihrer Umgebung? Und schließlich: Welche Rolle spielt das Fahrrad bislang in ihrem Alltag – und welche könnte es zukünftig spielen?
Das Projekt Schulweg.Aktiv setzte sich aus zwei Projektteilen zusammen.
- Der erste Teil des Projekts bestand aus einer schriftlichen Befragung an 31 weiterführenden Schulen im Landkreis. Es beteiligten sich insgesamt 1.878 Schülerinnen und Schülern. In dieser Befragung standen die Alltagsmobilität, die Gefahren auf dem Schulweg und im direkten Umfeld der Schule, sowie ihre Einstellung zum Radfahren allgemein im Mittelpunkt.
- Im zweiten Projektteil analysierten Schülerinnen und Schüler der Oberschulen in Hainichen, Frankenberg/Sachsen und Lichtenau im Rahmen eines Projekttages ihr Schulumfeld und sammelten Gefahrenstellen und Probleme. Gemeinsam mit einem Verkehrsplaner entwickelten sie konkrete Vorschläge für die beobachteten Gefahrenstellen und Orte, an denen die Aufenthaltsqualität nicht den Bedürfnissen der jungen Menschen entsprach. In einem Schulwegforum stellten sie die Ideen vor und übergaben sie an die Gemeinde.
Zentrale Ergebnisse der Befragung
Im Landkreis Mittelsachsen hat das Fahrrad auf dem Schulweg momentan eine vergleichsweise geringe Bedeutung. Etwa 30 % der Befragten gehen zu Fuß zur Schule oder fahren mit dem Fahrrad, wobei hier eine jahreszeitliche Schwankung im Bereich von 8,3 Prozentpunkten zu beobachten ist. Die überwiegende Mehrheit der Schülerinnen und Schüler legt den Schulweg mit Öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. 15 % der Schüler und Schülerinnen werden im Winter mit dem Auto zur Schule gefahren. Im Sommer sind dies knapp 10 %. Der geringe Anteil der aktiven Mobilität unter Schülerinnen und Schülern ist auf zwei wesentliche Faktoren zurückzuführen. Dies ist zum einen die teilweise große Entfernung zwischen Wohnort und Schule und zum anderen sind es infrastrukturelle Defizite der Radverkehrsinfrastruktur.
Gleichwohl spielt die Nutzung des Fahrrads für die befragten Schülerinnen und Schüler auf den Alltagswegen in ihrer Freizeit eine große Rolle. Mehr als die Hälfte der Befragten nutzt das Fahrrad mehrmals pro Woche in der Freizeit, insbesondere, um zu Freunden oder der Familie zu fahren oder selbstständig zu Freizeiteinrichtungen zu kommen. 19 % machen regelmäßig touristische Ausflüge mit dem Fahrrad.
Als maßgeblichen Faktor bei der Verkehrsmittelwahl für den Schulweg gaben die Befragten die Entfernung zwischen Wohnort und Schule an. Es wurde näherungsweise ermittelt, dass nahezu die Hälfte der Befragten für ihren Schulweg regelmäßig Strecken von über 6 Kilometern bewältigen muss. Für weitere 20 % ist der Schulweg 2 bis 6 Kilometer lang. Theoretisch wäre das Fahrrad für solche Distanzen sehr gut geeignet – vorausgesetzt, das Höhenprofil ist nicht zu anspruchsvoll und es existiert eine sichere Radverkehrsinfrastruktur.
Obwohl das Fahrrad für einen hohen Anteil der Schulwege als selbstbestimmtes und praktikables Verkehrsmittel großes Potential hat, machen die Befragten auf strukturelle Defizite in ihrem Lebensumfeld aufmerksam: Ein Drittel der Jugendlichen gibt an, nicht mit dem Rad zur Schule zu fahren, weil kein Radweg vorhanden ist. Darüber hinaus beurteilt ein Fünftel den Schulweg per Fahrrad als zu gefährlich. Die von den Schülerinnen und Schülern genannten Gründe, nicht mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren, decken sich mit dem Ranking in der Befragung zu den Faktoren, warum der Schulweg gefährlich ist und den Freitextantworten zu Gefahrenstellen in ihrem Schulumfeld. Dabei bewerten mehr als die Hälfte der Befragten, dass das Radfahren zur Schule wegen eines fehlenden Radweges gefährlich ist. Weitere als gefährlich eingestufte Schulwegabschnitte sind solche mit schnellem Autoverkehr oder großen Straßen, die auf dem Weg zur Schule ohne Querungshilfe gekreuzt werden müssen. In den Freitextantworten beschreiben ebenso viele Befragte Straßenabschnitte und Kreuzungen als gefährlich „[…], weil die Autos halt schnell fahren.“ Besonders kritisch wird dies wahrgenommen, wenn Radwege nicht vorhanden sind oder sichere Querungshilfen wie Ampeln oder Fußgängerüberwege an stark befahrenen Straßen fehlen. In knapp der Hälfte der Freitextkommentare wird die Geschwindigkeit von Autos nicht nur als objektiv schnell beschrieben, sondern als regelwidrig, also als zu schnell „[…] obwohl es dort eine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt.“ Hier ist nicht direkt die Infrastruktur das adressierte Hauptproblem, sondern das Fehlverhalten der Autofahrenden. Derartiges Fehlverhalten resultiert oft aus einer überdimensionierten Infrastruktur, welche überhöhte Geschwindigkeiten ermöglicht anstatt die Geschwindigkeit aktiv zu begrenzen.
Am häufigsten nannten die befragten Schüler und Schülerinnen Fußgängerüberwege und Ampeln als Maßnahme, von der sie sich eine Verbesserung der Verkehrssicherheit auf ihrem Schulweg erwarten. Insbesondere an stark frequentierten Straßen wird das Fehlen solcher Querungshilfen als belastend empfunden, auch, da dies oft mit erheblichen Wartezeiten verbunden ist. Beide Maßnahmen, Fußgängerüberwege und Ampeln, zielen auf die Etablierung klarer, leicht verständlicher Verkehrsregelungen ab.
Ergänzend zu diesen infrastrukturellen Maßnahmen plädierten 117 Teilnehmende proaktiv in Freitexten für eine Reduzierung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, speziell auf hochfrequentierten Straßenabschnitten. Ein geringeres Geschwindigkeitsniveau des motorisierten Verkehrs erleichtert es Kindern und Jugendlichen, komplexe Situationen zu erfassen und zu verstehen, da mehr Zeit für die Verarbeitung der Informationen zur Verfügung steht. Vereinzelt wurde zudem angeregt, regelmäßig die Geschwindigkeit des Verkehrs zu überwachen, um die Regeleinhaltung sicherzustellen bzw. die Sichtbeziehungen an unübersichtlichen Stellen zu optimieren. Die Rückmeldungen verdeutlichen den Wunsch nach einer Gestaltung des Verkehrsraums, bei der Schülerinnen und Schüler nicht auf „Glück“ oder die Kulanz der Autofahrenden angewiesen sind, sondern durch bauliche und regulatorische Vorgaben Verlässlichkeit bekommen.
Projekttage
Im Frühjahr 2025 fand an der Oberschulen Lichtenau, der Oberschule Hainichen und der Erich-Viehweg-Oberschule in Frankenberg/Sachsen jeweils ein Projekttag statt. Die Projekttage starteten mit einem Gedankenexperiment, bei dem die jungen Menschen zur Mobilität der Zukunft Visionen entwickelten und Wünsche formulierten. Nach einem kurzen theoretischen Input zum Ablauf von Verkehrsplanungsprozessen und einem Überblick über Verantwortlichkeiten wurden die auf Basis der Befragung bereits identifizierten Gefahrenstellen gemeinsam diskutiert und ergänzt. Die Projektgruppe wählte zwei bis drei konkrete Stellen aus und untersuchte diese vor Ort mit Hilfe von Protokollen. Die Schülerinnen und Schüler zählten, wie viele Autos und Lkws sowie Menschen auf dem Rad oder zu Fuß vorbeikamen, befragten Personen, dokumentierten die örtliche Situation mit Fotos und ermittelten den Verkehrslärm. Anschließend wurden die gewonnenen Erkenntnisse den anderen Schülerinnen und Schülern sowie einem Verkehrsplaner vorgestellt. Am Ende des Projekttags entwickelte die Projektgruppe konkrete Vorschläge für die beobachteten Gefahrenstellen und Orte, an denen die Aufenthaltsqualität nicht den Bedürfnissen der jungen Menschen entsprach.
Den Jugendlichen gelang es dabei in bemerkenswerter Weise, die Belange aller Verkehrsteilnehmenden gleichermaßen zu berücksichtigen. In einem Schulwegforum, zu welchem jeweils politische Vertretungen, Verwaltungsmitarbeitende, Lehrkräfte, Eltern und Interessierte Bürgerinnen und Bürger kamen, stellten sie die Ideen vor. Gemeinsam wurden die Ideen weiterentwickelt und abschließend an die Gemeinde übergeben.
Im Ergebnis stehen nun also konkrete Ideen für Maßnahmen für den Rad- und Fußverkehr, aber auch den ÖPNV, welche sich aktuell in der Prüfung durch die kommunalen Verwaltungen befinden. In Frankenberg/Sachsen konnte eine erste kleine Maßnahme bereits umgesetzt werden und es wurden neue sichere Fahrradbügel auf dem Schulhof aufgestellt. In Oberlichtenau wurde durch Temporeduzierungen und Verkehrsdisplays die Verkehrssicherheit im direkten Schulumfeld erhöht und in Hainichen findet nun ein regelmäßiger Austausch zwischen Verwaltung und Schule statt, um gemeinsam die Verkehrssicherheit in Hainichen zu erhöhen und den Radverkehr zu fördern.
Ergebnis
Damit das Fahrrad eine echte Option für den Schulweg ist, bedarf es sicherer und für Kinder nutzbare, alltagstaugliche Radverkehrsinfrastruktur, auf welcher die Schülerinnen und Schüler direkt und bequem zur Schule fahren können. Die Befragungsdaten des Projekts Schulweg.Aktiv zeigen dabei deutlich, dass die Schülerinnen und Schüler zur Verbesserung der Verkehrssicherheit auf ihren Schulwegen besonders große Entwicklungsmöglichkeiten im Bereich infrastruktureller und verkehrsorganisatorischer Maßnahmen sehen. Aus diesem Grund wird empfohlen, dass der Landkreis die Schulwege der Schülerinnen und Schüler systematisch in den Blick nimmt, Schulwegpläne in Kooperation mit den Schulen erstellt und das bisher auf den touristischen Radverkehr fokussierte Radverkehrskonzept mit dem Fokus auf Schulradwege fortschreibt. Auf Basis der einzelnen Berichte für die Schulen ist ein kleiner Maßnahmenkatalog entstanden und dem Landrat übergeben worden.
Das Projekt Schulweg.Aktiv zeigt deutlich: Wirksame Mobilitätskonzepte entstehen nur, wenn wir Jugendliche gleichermaßen in die Planung und Gestaltung von Verkehr und Orten einbeziehen. Nur wer die spezifischen Hürden und Ängste der jungen Generation versteht, kann Infrastruktur schaffen, die Sicherheit bietet und Lust auf Bewegung macht.
„Diese Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.“














